Architekturikone wird nach langem Leerstand zur Open Factory:

Geschichte

Der Eiermannbau ist ein herausragendes Denkmal der Industriemoderne und das einzige Gebäude Egon Eiermanns in Thüringen. Der Architekt erweiterte 1938/39 respektvoll den Bau der ehemaligen ›Weberei Borgmann & Co‹ vom Apoldaer Architekten Hermann Schneider aus dem Jahr 1906/07. Mit seinem Industriebau für die ›TOTAL KG‹ Feuerlöschgerätewerke folgte er den architektonischen Maximen von Logik, Reinheit und Klarheit der Moderne. Die sozialen und gesundheitlichen Bedürfnisse der Arbeiterschaft wurden bei den Umbauarbeiten mitbedacht. Damit war der Eiermannbau seiner Zeit weit voraus. Die Produktion im Feuerlöschgerätewerk wurde über mehrere Jahrzente fortgeführt. Nach der Schließung des Werks 1994 und dem folgenden Leerstand wird das Denkmal seit 2016 von der Internationalen Bauausstellung (IBA) Thüringen unter dem Leitbild ›Open Factory‹ aktiviert.

Egon Eiermann gilt heute als einer der wichtigsten Architekten der Nachkriegsmoderne in Deutschland. Zu seinen bedeutendsten Bauten zählen unter anderem die neue Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche in Berlin (1961), die Deutsche Botschaft in Washington (1964) und das Abgeordneten-Hochhaus in Bonn (1969). Auch im Möbeldesign setzte er Maßstäbe: Eiermann war der erste, der in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg Serienmöbel entwickelte, die in ihrer Form und Funktionalität dem internationalen Vergleich standhielten. Viele der Möbel werden noch immer produziert.

Chronologie des Baus

  • 1906/07: Apoldaer Architekt Hermann Schneider errichtet den Bau für Weberei ›Borgmann & Co‹
  • 1938/39: Erweiterung, Aufstockung und Umbau des Fabrikgebäudes für die ›TOTAL AG Foerstner & Co‹ durch Architekt Egon Eiermann
  • 1945: Amerikanische Besatzungstruppen quartieren sich im Eiermannbau ein. Die ›TOTAL KG‹ wird enteignet
  • Bis 1989: Als ›VEB Feuerlöschgerätewerk Apolda‹ ist eins von vier Feuerlöschgerätewerken der DDR
  • 1994: Schließung des Feuerlöschgerätewerks mit anschließendem Leerstand, die Immobilie geht in die Treuhandanstalt über
  • 1999: Gründung des Vereins ›Freunde des Eiermannbaus Apolda‹, der den Verfall und drohenden Abriss des Gebäudes verhindert. Mit der Ausstellung ›Kontinuität der Moderne‹ ist der Verein zuerst im Eiermannbau, später im Winkelbau bis 2012 auf dem Gelände präsent
  • 2010/11: Denkmalgerechte Sanierung des Baus durch die Eigentümerin GESA, Gesellschaft für Entwicklung und Sanierung von Altstandorten mbH
  • 2016: Beim ersten Campus der IBA Thüringen im Eiermannbau entsteht das Leitbild ›Open Factory‹
  • 2017: Eigentümerin der Immobilie wird die Landesentwicklungsgesellschaft Thüringen mbH
  • 2018: Die IBA Geschäftsstelle zieht in den Eiermannbau Apolda

1906 bis 1994

Bis Anfang der 1930er Jahre wurden im Eiermannbau Textilwaren der Firma ›Borgmann & Co.‹ produziert. Nach Aufgabe des Grundstücks im Zuge der Weltwirtschaftskrise wurde das Grundstück 1936 durch die Berliner ›TOTAL KG Foerstner & Co.‹ gekauft. Mit dem Umzug der Total-Werke von Berlin nach Apolda kam frischer Wind in die prosperierende Industriestadt mit damals rund 30.000 Einwohnern. In den nächsten 50 Jahren wurden an der Auenstraße Feuerlöschgeräte hergestellt. Mehr als 700 Menschen waren am Standort beschäftigt. Die Produktion wurde 1994 eingestellt. Damit war das Gebäude dem Verfall preisgegeben.

1994 bis heute

Als 1994 die industrielle Produktion im Eiermannbau aufgegeben wurde, stand das Gebäude viele Jahre leer. Der drohende Verfall der Architekturikone konnte maßgeblich durch den engagierten Einsatz des 1999 gegründeten Vereins ›Freunde des Eiermann-Baus Apolda e.V.‹ verhindert werden. Dieser kümmerte sich um den Erhalt, die Sanierung und Nutzung des Standorts. Die Gesellschaft zur Entwicklung und Sanierung von Allstandorten (GESA) als neue Eigentümerin führte 2010 und 2011 Sanierungsarbeiten an Fassade und Erschließungsbereichen durch. Seit 2014 ist der Eiermannbau ein Projektstandort der IBA Thüringen. Leitbild der Entwicklung ist die ›Open Factory‹, in der Produktion und Kultur eine kreative Nutzergemeinschaft bilden. 2018 ist die IBA Thüringen in ihre selbstgebauten Gewächshausbüros eingezogen.

2019

Die IBA Ausstellung ›StadtLand‹ und eine Vielzahl von Veranstaltungen im Rahmen der IBA Zwischenpräsentation führen zahlreiche Besucher nach Apolda. Der Eiermannbau ist im 100. Jahr des Bauhausjubiläums Teil der ›Grand Tour der Moderne‹ und bietet im Rahmen des Kunstprojekts ›Hotel Egon‹ erstmals außergewöhnliche Übernachtungsmöglichkeiten für Besucher.

Egon Eiermann 1939 auf der Dachterrasse, bei der Einweihung des Erweiterungsbaus. © saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Werkarchiv Egon Eiermann
Egon Eiermann 1939 auf der Dachterrasse, bei der Einweihung des Erweiterungsbaus. © saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Werkarchiv Egon Eiermann
Das Feuerlöschgerätewerk der TOTAL KG Foerstner und Co um 1939. © saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Werkarchiv Egon Eiermann, Foto: Eberhard Troeger
Das Feuerlöschgerätewerk der TOTAL KG Foerstner und Co um 1939. © saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Werkarchiv Egon Eiermann, Foto: Eberhard Troeger
Das von der Landschaftsarchitektin Herta Hammerbacher mit gestaltete Treppenhaus auf der Ostseite des Eiermannbaus. © saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Werkarchiv Egon Eiermann, Foto: Eberhard Troeger
Das von der Landschaftsarchitektin Herta Hammerbacher mit gestaltete Treppenhaus auf der Ostseite des Eiermannbaus. © saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Werkarchiv Egon Eiermann, Foto: Eberhard Troeger